Kommentar der Redaktion: Wir bekamen vor kurzen einen Aufruf von Herrn Sven von Storch, die Petition zu unterzeichnen, mit dem Titel "Kirche muss zur klassischen Ehe Farbe bekennen", wo es darum ging, dass die Organisationen, die sich als "christlichen Kirchen" in Deutschland bezeichnen, der Untergrabung des Begriffes Ehe nicht wirklich widersetzt hatten. Zitat:"Die Ehe für alle sei eine Stärkung der Werteorientierung, schwärmt der EKD-Ratsvorsitzende erwartungsgemäß regierungsfromm...

Und beim katholischen Kollegen? Erzbischofs Reinhard Marx´ Kommentar riecht eher nach Angstschweiß des politischen Opportunisten. Er bedauere es, „wenn der Ehebegriff aufgelöst werden soll“ und sieht darin eine völlig angemessene Äußerung."

Dieser Artikel von unserem Bruder Thomas Zmija v. Gojanist unser Beitrag zu der Diskussion über den Schutz der Ehe in Deutschland.

„Ehe für alle“

– ein christlich-orthodoxer Zwischenruf

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Nach jahrelanger politischer Debatte hat Ende Juni der Deutsche Bundestag  mit seinem „Ja zur Ehe für alle“ Homosexuellen in Deutschland den Weg zur Zivilehe geebnet. Bei 623 abgegebenen Stimmen sprach sich eine Mehrheit von 393 Abgeordneten für eine völlige rechtliche Gleichstellung homosexueller Paare aus. Zwar stimmte die Bundeskanzlerin Angela Merkel dagegen, jedoch auch fast ein Viertel der Unionsabgeordneten votiert mit Ja. Nur eine Minderheit von 226 Parlamentariern stimmte mit Nein, vier enthielten sich der Stimme.  Bereits im Jahr 2001 war in Deutschland die eingetragene Lebenspartnerschaft für gleichgeschlechtliche Paare eingeführt worden.

Einige Unions-Abgeordnete prüfen indes eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht. Die „Ehe für alle“ sei grundgesetzwidrig und bedürfe einer Verfassungsänderung, sagte der Justiziar der Unionsfraktion, Hans-Peter Uhl. Der CSU-Politiker präzisierte seine Position: "Sie (die Ehe) ist eine dauerhafte Verantwortungsgemeinschaft. Und sie ist darauf ausgerichtet, Kinder hervor zu bringen. Das geht nur mit Mann und Frau." Hingegen hält der Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) eine Grundgesetzänderung nicht für zwingend vorgeschrieben: "Wir sehen einen Wandel des traditionellen Eheverständnisses, der angesichts der Gestaltungsfreiheit des Gesetzgebers die Einführung der Ehe für alle verfassungsrechtlich zulässt … Die Zeit ist längst mehr als reif für diesen Fortschritt.“

Auch zwischen den beiden größten christlichen Kirchen in Deutschland herrscht indessen Uneinigkeit über die erfolgte gesetzliche Öffnung der Zivilehe für gleichgeschlechtliche Paare. Einen Tag vor der Abstimmung über die „Ehe für alle“ im Bundestag hat die katholische Kirche noch einmal ihre Ablehnung des Vorschlags betont. Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat sich dagegen für eine Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften zur traditionellen Ehe ausgesprochen.

Die Position der orthodoxen Kirche ist vollkommen klar und eindeutig: Gleichgeschlechtliche Sexualbeziehungen widersprechen als schwere Sünde dem eindeutigen Schöpfungswillen Gottes. (vgl.: 3. Mose 18: 22; 3. Mose 20: 13; Römer 1: 26-28; 1. Korinther 6: 9) Dabei spricht die orthodoxe Kirche zunächst einmal zu den Ohren ihren eigenen Gläubigen, die durch den Empfang der Heiligen Taufe zu Kindern Gottes geworden sind und nicht vom Willen des Fleisches, sondern aus Gott geboren sind. (vgl.: Johannes 1: 13). Sie respektiert grundsätzlich den gottgegebenen, freien Willen eines jeden Menschen, sich für ein Leben nach den Geboten Gottes, die uns zum ewigen Leben geleiten oder für ein von Gott abgewandtes Leben, das in der Endkonsequenz zum geistlichen Tode führt, zu entscheiden. Niemand kann jedoch nach orthodoxer Auffassung zur Annahme des Heiles oder zur Beachtung der göttlichen Gebote gezwungen werden, aber es ist die Aufgabe der Heiligen Kirche, allem Menschen den Weg zur Erlösung zu weisen, damit alle gerettet werden, das heißt, die Theosis erlangen und so die Herrlichkeit des Herrn zu schauen vermögen.

Nach der Lehre der orthodoxen Kirche hat jeder Mensch mit bösen Neigungen zu kämpfen. Da der Mensch von Gott mit einem freien Willen erschaffen wurde, steht er erneut immer wieder vor der Wahl, sich für Gott zu entscheiden oder gegen Ihn. Er kann sich für eine Sünde oder ein Laster entscheiden oder dagegen. Vor dieser Wahl stehen wir Tag für Tag. Wir sind aufgerufen auf Gott zu hören und Seinen Geboten folgen, oder wir werden den Einflüsterungen des Teufels und seiner Dämonen erliegen. Einen "dritten Weg" gibt es nicht. So lehren uns in ihrer Lebensweisheit übereinstimmend die Heiligen Väter in Bezug auf die christliche Askese. Die bösen Neigungen in uns sind eine Folge des Sündenfalls als wir aus freiem Willen die Theosis, die gnadenhafte Gemeinschaft mit Gott, verlassen haben. Das Vorhandensein der Neigung zum Bösen in uns ist an für sich noch nicht sündhaft, sondern erst, wenn wir solchen Neigungen nachgeben (also sie Ausleben) wird aus der bösen Neigung eine Sünde. Als orthodoxe Gläubige sind wir deshalb aufgerufen, den in jedem von uns wohnenden bösen Neigungen (vgl.: Römer 3: 23) nicht nachzugeben, sondern sie unser ganzes Leben lang durch Gebet, Askese und Fasten energisch zu bekämpfen. Als Orthodoxe wissen wir aber auch, dass niemand immer erfolgreich im Kampf gegen seine bösen Neigungen sein wird. Deshalb ist die orthodoxe Haltung gegenüber den in die Leidenschaften verstrickten und in der Versuchung gefallenen Brüdern und Schwestern nicht Hartherzigkeit, Hochmut oder gar pharisäische Verurteilung, sondern Demut und Barmherzigkeit. Genauso wie wir im Gebet Gott bitten, dass Er mit unseren Schwächen Geduld habe und uns nicht wegen unserer Sündhaftigkeit verdammen möge (vgl.: Erstes der morgendlichen Gebete), genauso erwartet Gott von uns, dass wir Geduld mit der körperlichen, geistigen oder moralischen Gebrechlichkeit und den Schwächen unserer Nächsten aufbringen (vgl.: Matthäus 7:1-2). Geduld bedeutet jedoch nicht eine falsch verstandene Nachsichtigkeit, indem wir die Sünde nicht mehr als Sünde bezeichnen und echte christliche Barmherzigkeit schließt immer auch den Hinweis auf den rechten Weg der Gebote Christi ein, damit wir alle zur Fülle des Lebens, zur gelebten Gemeinschaft mit Gott zu gelangen vermögen. Nach orthodoxem Verständnis gibt es nicht viele unterschiedliche „Wahrheiten“, aus denen ein jeder und eine jede nach seinem augenblicklichen Antrieb oder in situationsabhängiger Motivation frei auswählen kann. Wir vertreten nicht die Zeitgeist-Philosophie des Relativismus, sondern folgen vielmehr der inkarnierten Wahrheit, Christus, dem Wort Gottes, nach (vgl.: Johannes 14: 6). Insofern erwartet die orthodoxe Kirche von ihren gläubigen Kindern, dass ein jeder von uns gegen seine bösen Neigungen und Leidenschaften ankämpft. Dabei werden wir vor allem durch den Empfang des Mysterions (Sakramentes) der Heiligen Beichte, aber auch durch den geistlichen Rat unserer Bischöfe, Priester und Mönche seelsorgerlich unterstützt.

Dies gilt auch für Menschen, die mit der Leidenschaft der Homosexualität zu kämpfen haben. Auch hier führt der einzige Weg, wie übrigen auch beim Kampf in den anderen Leidenschaften, über die Bereitschaft den ernsthaften Weg der Askese zu beschreiten, das heißt, mit aufrichtigem Herzen ein geistliches Leben zu führen, so wie es die Heilige Kirche lehrt, und dadurch mehr und mehr die eigenen bösen Neigungen und Leidenschaften zu überwinden. Dieser geistliche Kampf ist gerade in der heutigen Zeit eine besonders große Herausforderung. Wir leben umgeben von einer Welt, die hemmungslos dem Hedonismus huldigt und inmitten eines Zeitgeistes, der durch eine, alle Bereiche des alltäglichen Lebens erfassende, Übersexualisierung geprägt ist. „Sex sells“ und „everthing goes“ – ein einziger Blick in die Zeitschriften, die einschlägigen Abteilungen eine Buchhauses, die Werbung im Fernsehen oder im öffentlichen Raum aber auch die Sexualkundelehrbücher in den Schulranzen unserer Kinder genügt vollkommen, um ein klares Bild von dieser allgegenwärtigen Verführung zu einem allzu leichtfertigen Umgang mit dem als Ware oder als elementares Bedürfnis missverstandenen Sex zu bekommen.

In den westlichen Gesellschaften werden in neuerer Zeit (seit den 1968-er Jahren) alle möglichen Ausformungen sexueller Neigungen als „normal“ und „natürlich“ angesehen. Galt die Homosexualität noch in den 1950-er Jahren allgemein als psychiatrisch zu diagnostizierende Persönlichkeitsstörung, so wird heutzutage umgekehrt das Nicht-Ausleben seiner Triebe - vor allem des Sexualtriebs - als psychisch schädigend betrachtet. Aus diesem Grunde trifft zurzeit die christliche Anthropologie und damit gerade auch die christliche Zuordnung der menschlichen Sexualität kaum noch auf Verständnisbereitschaft. Wegen der Allgegenwart eines übersexualisierten Zeitgeistes können die Polarität schöpfungsgemäßer menschlichen Sexualität als Mann und Frau, lebenslange eheliche Treue, die gelebte Reinheit des Ehelebens,  Keuschheit und das christliche Ideal der Jungfraulichkeit im Mönchtum kaum noch verständlich gemacht werden. Denn wo der moderne Sexualforscher nur einen angeborenen Trieb wahrnehmen will, sieht die christlich-anthropologisch ausgerichtete Lehre der orthodoxen Kirche eine Leidenschaft, die durch die Sünden erst erweckt wurde. In solch einem Lebensklima verlernen es die Menschen dann auch schnell, sich geistlich zu reinigen und erneut mit Gott zu verbinden. Hier liegt eine der grundsätzlichen Wurzeln der Entchristlichung und Glaubensferne unser Tage, die in der Abwendung weiter Teile der westeuropäischen Gesellschaften vom kirchlichen Leben ihren offensichtlichen Ausdruck findet.

In den heutigen westlichen Gesellschaften gilt weithin die Maxime - jeder Mensch ist so, wie er ist – und das sei auch gut so. Dies gilt aber nur solange sich das Streben des jeweiligen Menschen mainstream-konform darstellt. Fällt der einzelne Lebensentwurf und die diesen zugrunde liegenden ethischen oder religiösen Grundentscheidungen zu deutlich abweichend von den laizistischen Vorstellungen der Mehrheit aus, so ist es mit der postulierten Toleranz schnell wieder vorbei. Dieses findet seinen beredten Ausdruck auch in einer zeitgeistig-einseitigen Fehlinterpretation der Menschenrechte, bei der die Abtreibung zum Menschenrecht und das Ausleben aller von der Schöpfungsnorm abweichenden Sexualitätsformen als Menschenrecht und daraus folgend, deren vorbehaltlose Akzeptanz zum Zielpunkt einer gerechteren Gesellschaft stilisiert werden. In solch einem gesellschaftlichen Klima gerät jede unverkürzte christliche Verkündigung schnell in Bedrängnis durch Deutungsvorgaben über das, was öffentlich noch als erlaubte Meinung vorgetragen und vertreten werden darf, wie uns die verschiedene Beispiele aus Großbritannien, Frankreich, Skandinavien oder den Niederlanden bereits heute überdeutlich vor Augen führen.

Denn von vielen unbemerkt, hat sich in Europa inzwischen eine Stimmung breitgemacht, die jedes öffentliche Bekenntnis zum christlichen Glauben als Störung der laizistischer Deutungshoheiten, sowie des verbreiteten, agnostischen Lebenstils empfindet. "Der europäische "Laizismus" ist, im Gegensatz zum amerikanischen "Säkularismus", nicht einfach nur ein ’Ich glaube nicht an Gott', sondern wiederum eine Art "Säkular-Religion" für sich. Es handelt sich um eine aktive Feindseligkeit gegenüber der Religion, im Fall Europas gegenüber dem Christentum", so Joseph Weiler, Professor für Völkerrecht an der New York University. Der Professor für Völkerrecht erläutert weiterhin, dass ein Verbot des Anbringens von Kreuzen im öffentlichen Raum, wie inzwischen in zahlreichen europäischen Staaten geschehen, mitnichten ein Zeichen der weltanschaulich gebotenen Neutralität im öffentlichen Raum sei. Vielmehr stellt es eine eindeutige Parteinahme zugunsten einer agnostischen Weltsicht dar. In vielen Ländern der EU weht der laizistische Wind den Christen inzwischen recht aggressiv ins Gesicht, wenn sie vom Evangelium und der überkommenen kirchlichen Lehre her die neuen, staatlich oder gesellschaftlich vorgegebenen Positionen kritisieren. Die juristische Verfolgung jener “politisch inkorrekten" Positionen, die aus Treue zur Botschaft Christi wesentlich zum christlichen Glauben gehören - etwa die Ablehnung der Abtreibung oder der Homo-Ehe - nimmt heutzutage massive Formen an: So wurde im Jahr 2007 in Großbritannien der anglikanische Bischof von Herford, Anthony Priddis, zu einer Strafe von über 60.000 Euro und zur Absolvierung eines “equal opportunities training" verurteilt, weil er einen homosexuellen Bewerber für eine Stelle in der Jugendseelsorge - übrigens auf sehr sachliche Weise - abgewiesen hat.

Angesichts dieser Situation hat S. E. Metropolit Ilarion Alfeyev mit klaren und deutlichen Worten  die orthodoxe Position formuliert: Eindeutig warnte er die Westeuropäer, vor allem deren protestantische Glaubensgemeinschaften, vor der rechtlichen Aufwertung homosexueller Lebensgemeinschaften, indem er darauf hinwies, dass eine solches Vorgehen über kurz oder lang zu einer "Vernichtung der traditionellen Vorstellung von Ehe und Familie" führen wird (S. E. Metropolit Iilarion vor der 10. Vollversammlung des Weltkirchenrates in Busan, Korea). Eindeutig hat Vladika Ilarion auch die verschiedenen anti-christlichen Praktiken verurteilt, die alle darauf abzielen, Glauben und Kirche aus dem öffentlichen Leben zu verbannen. Ganz eindeutig macht er die Agenda des kämpferischen Säkularismus für die Verabschiedung der liberalen Homosexuellen-Gesetze verantwortlich. Vladika Hilarion sagt unmissverständlich, dass die antichristliche Rhetorik vieler westlicher Politiker auf die "völlige Verdrängung der Religion aus dem öffentlichen Leben" abziele. Nach 70 Jahren kirchlicher Existenz unter den Bedingungen des Staatsatheismus als einer besonders aggressiven und repressiven Spielart des Säkularismus hat die Russische Orthodoxe Kirche ein besonders sensibles Gespür für diese Form des Kampfes gegen die Kirche und ihre ideologischen Beweggründe entwickelt.

Deshalb betont die Russische Orthodoxe Kirche auch in ihrer Sozialdoktrin einen anderen, orthodoxen Blick auf die Menschenrechte, als ihn der neuzeitliche Säkularismus westlicher Prägung einnimmt, indem sie zwar den Wert eines Menschen seiner Gottesebenbildlichkeit zuordnet, seine Würde jedoch von seinem konkreten ethisch verantworteten Handeln abzuleiten weiß. Dahinter steht die orthodoxe Einsicht, dass der Sinn jeden christlich gelingenden Lebens nicht darin liegt, dass wir uns einfach so akzeptieren, wie wir (im Moment gerade) sind, sondern dass der Sinn unserer irdischen Existenz als Christenmenschen gerade darin liegt, dass wir uns zum Besseren verändern und durch den Prozess der Theosis unserem Herrn Jesus Christus näher und näher kommen.

Die orthodoxen Kirchen in Nordamerika, die schon seit geraumer Zeit mit der Problematik einer durch Gender- und Gay-Rights-Movement  veränderten zivilgesellschaftlichen Situation, die auch das Denken der Gläubigen zu infiltrieren droht konfrontiert sind, haben vor Jahren durch die dortige orthodoxe Bischofskonferenz (Standing Conference of the Canonical Orthodox Bishops in the Americas (SCOBA)), folgende Richtlinien für den pastoralen Umgang mit homosexuell empfindenden Menschen erlassen: Offen homosexuell lebende Menschen können nicht zu den Sakramenten der orthodoxen Kirche zugelassen werden. Homosexuell empfindende Menschen, die ernsthaft mit der Leidenschaft der Homosexualität kämpfen, sind genau wie alle anderen Christen, die mit ihren Leidenschaften kämpfen, zum Empfang der Heiligen Kommunion eingeladen (denn der regelmäßige Empfang der Heiligen Kommunion ist gerade das notwendige Heilmittel zur Überwindung unserer Leidenschaften, wenn sie in den notwendigen asketischen Rahmen aus Gebet, Fasten und der bewussten Abkehr von der Sünde eingebettet ist (Anmerkung des Verfassers)). Da alle orthodoxen Christen dazu verpflichtet sind, in Übereinstimmung mit der Lehre und Praxis der Kirche zu leben, kann niemand, der homosexuelle Handlungen gut heißt an der sakramentalen Gemeinschaft der orthodoxen Kirche teilhaben. Das betrifft nicht nur die Priesterweihe, sondern auch die Möglichkeit zum Empfang der Heiligen Kommunion für in politischer Verantwortung oder der gesellschaftlichen Öffentlichkeit stehende orthodoxe Laien, die gelebte Homosexualität unterstützen oder gut heißen. Genauso eindeutig ist aber auch der orthodoxe Standpunkt bezüglich der Diskriminierung oder gar Verachtung homosexueller Menschen innerhalb der Kirche: Hier wird unmissverständlich klar gestellt, dass es gegen die christlich-orthodoxe Glaubenslehre verstößt, homosexuelle empfindende Menschen zu verachten, zu diskriminieren oder gar zu hassen und ihnen deshalb Gewalt anzutun.

Als orthodoxe Christen sind wir beständig dazu aufgerufen, den Kairos der Zeit, in der wir leben zu erkennen und die Geister klar zu unterscheiden. Dies geschieht, indem wir die Heilige Tradition befragen, die als lebendiger Quell des apostolischen Ursprungs in der Lehre und im Glaubensleben der orthodoxen Kirche gegenwärtig ist. Sie ist der geistliche Herzschlag der Kirche und kündet vom fortdauernden Wirken und der andauernden Gegenwart des Heiligen Geistes in der rechtgläubigen Kirche Christi. Eine solche lebendige Verbindung zur Heiligen Tradition bewahrt uns dann auch wirksam vor der Haltung eines engstirnigen Fundamentalisten, der alles und jedes nicht nur mit der gesunden notwendigen Skepsis, sondern geradezu voller Angst vor einer möglichen Veränderung betrachtet, sowie ebenso vor der eines wurzellosen Modernisten, der das goldene Kalb, den Götzen im Zeitgeist, unbedingt anbeten möchte. Jedoch besitzt die zeitgenössische Häresie des Modernismus für das Bewusstsein der meisten modernen Menschen weitaus größere Anziehungskraft als sein ihm entgegengesetzter und ihn gleichsam spiegelnder, oft gewalttätig auftretender Bruder: der neuzeitliche Fundamentalismus. Dabei ist der heutige modernistische Zeitgeist gleichsam wie von einem Dämon besessen, denn „er zerstört und zerfrisst langsam das christlich-ethische Fundament der westlichen Gesellschaften“ (Seine Heiligkeit Patriarch Kyrill I.). Gleich wie der kanaanitische Götze Moloch das Opfer der Kinder, so fordert er beständig von uns das Opfer alle unserer echten Überzeugungen.  Dies betrifft vor allem unsere religiösen und ethischen Überzeugungen.

So legt uns der heutige Zeitgeist auch gern das Gewand des Agnostikers an Herz: Lebt so, als ob es Gott nicht geben würde. Nach einer Umfrage des Bertelsmann-Religionsmonitors gaben 67 Prozent der Deutschen unter 29 Jahren an, nicht (mehr) zu beten. Ein Drittel der deutschen Bevölkerung bezeichnet sich inzwischen als religionslos. Im Osten Deutschlands sind es bereits 79 Prozent. Dem stehen dann nach der Arithmetik nur noch 23 Prozent der deutschen Bevölkerung gegenüber, die sich dezidiert als Christen bekennen. Daneben wächst die Gruppe der Bevölkerung beständig, die sich zu nicht-christlichen Religionen, vor allem dem Islam bekennt. Auch innerhalb der nominellen Kirchenmitglieder der beiden in Deutschland traditionell beheimateten großen Kirchen stimmten nach dieser Umfrage 30 Prozent agnostischen oder atheistischen Auffassungen zu und nur 22 Prozent der Katholiken gaben noch an, mit den Glaubensüberzeugungen ihrer Kirche vollkommen übereinzustimmen. Damit ergibt sich für die deutsche Gesellschaft das Phänomen einer „lautlosen Atheisierung“ bis in die Mitte der beiden großen Kirchen hinein, von der die ständig rückläufigen Mitgliederzahlen der Kirchen, aber auch die gesellschaftliche Akzeptanz politischer Entscheidungen wie die jetzt im Bundestag Getroffene zur „Ehe für alle“ ein überaus beredtes Zeugnis geben.

Jedoch täuschen wir uns nicht selbstgefällig über unsere eigene Situation. Konsumorientierung, Hedonismus und Diesseitigkeit sind nicht nur meinungs- und lebensprägender Kontext der heutigen westlichen Gesellschaften geworden, längst haben sie auch Eingang gefunden in die Lebenshaltung und Daseinsgestaltung vielen Menschen in traditionell von der Orthodoxie geprägten Ländern. Nicht nur in der orthodoxen westlichen Diaspora stehen wir inzwischen vor dem Dilemma, ob wir uns in das Ghetto eines innerorthodoxen Milieus zurückziehen wollen, um von dort aus alles zu verurteilen, was jetzt anders ist als in unseren Herkunftsländern oder in einer als „damals noch echt orthodoxen“ verklärten Vergangenheit, oder ob wir uns am Ende mit einer unkirchlichen (gewordenen) Mehrheit dazu entschließen wollen, auch dem Mainstream der griffig vorgetragenen Ansichten säkularer Meinungsmacher zu folgen und damit alles zu bejubeln, was sich als gerade als hip, neu und modern darstellt. (Nebenbei bemerkt: Der katholische, kolumbianische Philosoph Nicolás Gómez Dávila mit seiner sich oft zynisch gebenden Beobachtungsgabe stellt fest, dass gerade nichts veralteter ist als die gewesene Neuheit von Gestern) Beide Scheinalternativen werden jedoch unserem christlich-orthodoxen Glauben als einer das gesamte Leben eines Christen prägenden Wirklichkeit nicht gerecht.

Wie immer hilft uns in dieser Situation ein Blick in die Heilige Schrift, um einen genuin orthodoxen Orientierungspunkt inmitten zweier verwirrender Sichtweisen auf drängende Probleme unserer  Zeit finden zu können: Zum einen warnt uns das Wort Gottes vor dem „Geist, der zu dieser Zeit am Werk ist in den Kindern des Ungehorsams“ (Epheser 2:2). Diese Stelle lässt sich leicht in Bezug auf das bisher hier Gesagte verstehen. Auch sollen wir Christen die Zeit auskaufen, das heißt sie gleichsam als Schleifstein benutzen, um unser Gewissen und unser kirchlich-orthodoxes Bewusstsein zu schärfen, „denn es ist eine böse Zeit“ (Epheser 5: 16). Insofern ist jeder echte, christliche Glaube immer zeitgeist-kritisch. Er ist kritisch gegen das, was sich uns gerade jetzt als neu und deshalb als besser, als scheinbar empfehlenswert und deshalb als unbedingt heilsam anzubieten oder aufzudrängen versucht. Insofern sind wir als orthodoxe Christen gemeinsam mit allen anderen Christgläubigen in unserem Lande, aber auch mit allen übrigen Menschen guten Willens zum Bekennermut, also dem Mut zum Anderssein aus der Treue zum Evangelium und zur apostolischen Lehre der Kirche aufgerufen.

Hierbei dürfen wir darauf vertrauen, dass mit der Menschwerdung Jesu Christi das Zeitalter der Gnade und des Heiles bereits angebrochen ist. Das Aion der kommenden, alles verklärenden Herrlichkeit Gottes ist für diejenigen, die an Christus glauben und zu Seiner Kirche gehören bereits geistliche Wirklichkeit. Als gläubige Kinder der Kirche leben wir bereits in diesem neuen Aion. Jedes orthodoxe Osterfest kündet davon. Auch unsere Gegenwart ist deshalb, trotz allem Negativen was in ihr geschehen mag, bereits die Zeit der anbrechenden Gnade Gottes (vgl.: 2. Korinther 6: 2).

Lesetipp zur vertiefenden Lektüre für alle, die Englisch können:

Father Thomas Hopko; Christian Faith and Same-Sex Attractions.

Eastern Orthodox Reflections.

Paperback: 128 pages

Publisher: Conciliar Press

Language: English

ISBN-13: 978-1888212754

 

 

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